Geschichten und Geschichten erzählen

Zur Vorbereitung meiner Rede am 30.08.2012

Warum überhaupt Geschichten erzählen? Denkt Euch folgendes: Ich habe
eine Botschaft: "Man muss gar nichts!" Die vielen Dinge, die wir
glauben tun zu müssen, sollten wir mal hinterfragen, besonders, wenn
wir darunter leiden. Da könnte ich jetzt eine Rede drüber schreiben: 3
Argumente, die die Hauptbotschaft unterstützen, kurz die
Gegenargumente bearbeiten, noch die Definition des Wortes
voranstellen. Oder ich könnte einfach eine Geschichte erzählen, die
genau meine Botschaft illustriert, die nachfühlen lässt, wie gut und
richtig es ist, sich von einem eingebildeten Zwang zu befreien.

Geschichten sind eindrucksvoll, sie bleiben hängen und oft wirken sie
noch lange nach. Daher lohnt   es sich besonders für uns Redner,
Geschichten einzusetzen. Ob ich eine eigene Geschichte entwerfe oder
eine bekannte verwende – in jedem Fall muss ich wissen, wie eine
Geschichte funktioniert, damit ich sie auch gut erzählen kann.

Zunächst einmal muss mir ganz klar sein, worauf die Geschichte
hinausläuft. Was ist ihre Botschaft? Möchte ich das sagen, passt es
zur Botschaft meiner Rede? Auf die Botschaft hin konstruiere ich die
Geschichte oder wähle eine passende aus.

Normalerweise wird die Botschaft klar, in dem Moment, wo sich ein
Konflikt in der Geschichte auflöst. Das ist gleichzeitig der Höhepunkt
der Geschichte. Durch den Konlikt und dessen Lösung hat sich etwas
verändert und das ist das, was der Zuhörer mitnehmen kann. Der
Konflikt ist also eine wichtige Zutat bei der Geschichte, ohne
Konflikt ist die Geschichte normalerweie langweilig.

Im Konflikt befinden sich die handelnden Personen, Tiere oder belebte
Objekte. Oft ergibt sich der Konflikt ganz oder teilweise aus deren
Charakter. Ich brauche also echte Charaktere: Akteure mit ausgeprägten
Eigenschaften, die zusammen eine stimmige Figur ergeben. Für's
Geschichtenerzählen stelle ich mir die Figur mit ihren Eigenschaften
genau vor und erwecke sie dann zum Leben: wie spricht sie, wie geht
sie, wie zieht sie sich an, wie sieht das Gesicht aus, ist sie groß
oder klein? Die inneren Eigenschaften der Figur zeigen sich in ihren
äußeren Eigenschaften,  in dem, was sie tut und in dem, was sie sagt.

Die Handlung macht den Konflikt glaubhaft und nachvollziehbar, bahnt
ihn an, spitzt ihn zu und löst ihn schließlich auf. Wie kann dieser
Konflikt sinvoll auftreten? Was ist die Vorgeschichte? Wie geraten die
Charaktere in den Konflikt? Wie lässt sich der Konflikt bis zum
Höhepunkt steigern? Was ist die Lösung? Die Geschichte braucht eine
Handlung, die den Konflikt glaubhaft macht, aufbaut und schließlich
auflöst.

Zeit und Ort machen die Geschichte konkret und gut vorstellbar. Sie
setzen Rahmenbedingungen, die vielleicht den Konflikt erst möglich
oder glaubhaft machen. Zeit und Ort deutlich zu machen, helfen den
Zuhörern, die Handlung zu verstehen. Natürlich erfüllen auch
Zeitangaben wie "Es war einmal" oder Ortsangaben wie "Das Weltall –
unendliche Weiten" hier ihren Zweck.

Beim Erzählen sind die wichtigsten Mittel ausdrucksstarke Dialoge,
lebendige Beschreibung und der Einsatz der Stimme.
Im Dialog sprechen die Charaktere selbst und offenbaren ihr Wesen
dadurch was sie sagen und wie sie es sagen. Der Konflikt wird im
Dialog oft besonders deutlich. Im Dialog können auch Informationen
untergebracht werden, die für die Handlung wesentlich sind.

Die Beschreibung der Umwelt, der Charaktere und der Handlung soll beim
Empfänger ein lebendiges Bild im Kopf entstehen lassen. Am besten
nicht nur ein Bild, sondern alle Sinne sollten angesprochen werden:
Wie fühlt sich der Nebel an, wie riecht es im Haus, wie klingen die
Schritte des Mörders? Die Beschreibung sollte lebendig sein und
treffend. Trippelt oder trampelt er, schlurft er oder schleicht?

Dialoge und Beschreibungen leben vom Einsatz der Stimme. Wenn die
Figuren sprechen, kann ich die Stimme nutzen, um sie zu
charakterisieren. Auch die spezielle Situation des Dialogs kann ich
durch die Stimme verstärken – einen scharfen Ton anschlagen oder ein
Zittern durchklingen lassen.  Auch bei Beschreibungen sollte die
Stimme die Stimmung ausdrücken und sie dadurch überhaupt erst
glaubwürdig machen. Weil die Stimme dabei vielfältig eingesetzt werden
kann, eignen sich Geschichten auch wunderbar für Projekt Nr. 6,
"Stimmliche Vielfalt".

In jedem Fall rate ich Euch, einmal Geschichten erzählen nach dem
beschriebenen Muster auszuprobieren und die Wirkung "am eigenen
Publikum" zu erleben.

Julia